Heldengeschichten – Newsletter vom Mai 2020

Es ist Freitagmorgen zwischen dem Tag der Auffahrt und dem Wochenende vor Pfingsten. Das Fenster ist offen, gerade fährt ein Auto vorbei, von einem zweiten höre ich den Motor beim Einparken. Ich höre Vogelstimmen – Schwalben und Spatzen. Ich schreibe und blicke zwischendurch in das satter werdende Grün des Kastanienbaums. Ich bin daheim, im Büro, geborgen und geschützt. Ich schreibe über die Nacht, wie ich aufgestanden bin, über das, was mich beschäftigt. Ich bringe leichte Gedanken ins Spiel, Lockerungsübungen gegen den kleinen Schmerz am Leben, der immer da ist, und sei es nur, weil Freude und schöne Momente auch ihre Anstrengung brauchen. Ein paar leichte Gedanken gelingen. Die zwei Seiten sind voll. Ich schliesse den Grand bloc​ und blicke auf​.

Das ist ein guter Moment, um gleich auch den Schreibhausnewsletter zu schreiben! Allmählich sieht es ​ja ​so aus, als könnten mit gewissen Vorsichtsmassnahmen Schreib​haus​treffen wieder möglich werden. Ein Treffen im kleinen Kreis haben wir bereits vor zehn Tagen durchgeführt. Thema war das biografische Schreiben, und zwar unter dem Blickwinkel der Heldengeschichte.

Soll man ​nun ​sein Leben verklären, damit es zur Heldengeschichte wird? Müssen wir uns denn nicht an das halten, was war und genau dafür die richtigen Worte finden? –

Die Heldengeschichte ist eine dramaturgische Form. Sie führt von einem neutralen Ausgangspunkt zur Zuspitzung des Konfliktes und dessen Auflösung. Wenn das eigene Leben ihr Stoff ist, handelt sie von dem, was uns herausgefordert hat, was wir überstanden und durchlitten haben. Das Schwierige des Lebens ist das Thema. Aber die Heldeng​e​schichte kann nur erzählt werden, wenn wir das Schlimme überlebt und überstanden haben, denn das gute Ende gehört zwingend zu ihr. Das Schwierige wird vom Moment her betrachtet, in dem es wieder eine Wendung ins Gute gab, auch wenn es noch so unspektakulär ​war. In der grossen Heldengschichte hat der Held den Drachen bezwungen, den Schatz gefunden und das Elixier gewonnen und kehrt reich ​und weise ​nach Hause zurück. In unserer eigenen Heldengschichte erzählen wir uns und anderen, dass es noch oft allem Unheil zum Trotz auch wieder gut gekommen ist.

Als Zweckpessimisten tun wir uns schwer mit Heldengeschichten. Unserer christlichen Kultur ist sie aber fest eingeschrieben. Gerade wieder feiert das Kirchenjahr de grosse Wende der grössten aller Heldengeschichten: Nach dem Verrat durch seinen Jünger, der Gefangennahme, der Verurteilung und dem gottverlassenen Tod am Kreuz aufersteht Jesus an Ostern zu neuem Leben: Das heisst: Wir haben Grund zu hoffen. In der biblischen Erzählung bleibt Jesus noch vierzig Tage auf der Erde, dann fährt er auf zu ewigem, himmlischem Leben. Uns hinterlässt er am Tag der Auffahrt die Botschaft der Hoffnung.

A​m letzten Schreibhaustreffen haben wir unsere eigenen Heldengeschichten geschrieben. Mir wurde beim Schreiben bewusst, dass ich vor mehr als vierzig Jahren nicht nur fast im Bach ertrunken, sondern eben auch wieder lebendig herausgekommen bin. Man vergisst das leicht und bleibt für ewig im Strudel und Brausen gefangen. In andern Geschichten ging es um ​den kleinen Blickwechsel, der eine Kindheit nicht nur grau erscheinen lässt oder die Einsicht, das ein Ja zu einem Kind der Anfang eines grossen Abenteuers ist.  In allen Geschichten fand Leben zur Sprache und das hat uns alle sehr gefreut. – Und die Erkenntnis war: Dramaturgische Muster helfen, den Blick auf die ganze Geschichte zu werfen.

Unsere nächsten Schreib​haus​treffen sind am
19/20 Juni 2020
21/22 August 2020
Wir starten jeweils am Freitagabend um 18 Uhr mit einem kleinen Imbiss und schreiben dann am Freitagabend und am Samstag. Ende ist dann am Samstag um 18 Uhr. Der Preis liegt bei 250 Franken.
Den Umständen entsprechend bleibt die Zahl beschränkt – ich bin froh um rasche Mitteilung!
Im Juni könnte es ums Erfinden gehen.

An dieser Stelle ein Hinweis auf das Magazin ERNST, dem ich seit vielen Jahren verbunden bin. Gestartet das Magazin als «Männerzeitung», seit 2017 heisst es ERNST und steht unter der Leitung von Adrian Soller. Das Magazin hat nie aufgehört, sich für Geschlecht, Gender und Rollenbilder zu interessieren, bettet diese Fragen aber immer mehr in die grossen und auch ganz alltäglichen Fragen des Menschseins ein: Wie ​l​eben wir? Wie gehen wir um mit der Zeit, dem Vergessen, mit Gott, der Liebe, der Nacktheit und dem Teppich in unserem Zimmer?

Die aktuelle Nummer heisst: «Was wir glauben». In dieser Nummer finden sich einige sehr schöne Texte, die im Umfeld des Schreibhauses entstanden sind und auch ​die Heldeng​e​schichte von mir. Nicht nur darum empfehle ich ERNST zur Lektüre und zum Abonnement. Es ist vor allem auch eine kleine, wertvolle und erfrischende Plattform für Journalismus und literarisches Schreiben. Ich glaube, dass solche Plattformen sehr wichtig sind.

Das Magazin findet ihr online unter ernstmagazin.com. In wenigen Klicks könnt ihr euer Abo auf dieser Seite lösen.

Nun ist aus den kurzen Morgenseiten ein langer Newsletter entstanden. Ich hoffe, es geht euch gut in diesen Zeiten, in denen viele unserer Selbstverständlichkeiten aufgehoben sind. Es werden wieder bessere Zeiten kommen, das ist ganz und gar gewiss!

Ich grüsse euch herzlich und wünsche euch alles Gute!

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